Günter Faltin: Kopf schlägt Kapital
»Kopf schlägt Kapital – Die ganz andere Art, ein Unternehmen zu gründen – Von der Lust ein Entrepreneur zu sein«. Designökonomie statt Designwirtschaft.
Vor ca. zwei Jahren las ich zum ersten Mal das Buch von Prof. Dr. Günter Faltin. Er hat mich auf Anhieb von seiner These überzeugt – dass es nicht in erster Linie auf Betriebswirtschaft ankommt, um erfolgreich unternehmerisch tätig zu sein. Diese Position ist für einen deutschen Hochschullehrer und erfolgreichen Unternehmensgründer nicht selbstverständlich.
Er definiert Erfolgsfaktoren für Start-ups wie folgt: Rohmaterial (Erfindung, Forschungsergebnis, neue Technologie), Entrepreneurial Design (Ausarbeitung eines unternehmerischen Konzepts) und Markt (Wettbewerb, Kundenakzeptanz).
Das Entrepreneurial Design ist seiner Meinung nach nicht die betriebswirtschaftliche Umsetzung. Vielmehr geht es um das Gespür für gesellschaftliche Veränderungen und Sensibilität für Marktentwicklung. Es reicht nicht, dem Erfinder und Forscher (dem Designer) einen Betriebswirt zur Seite zu stellen (oder gar einen aus ihm zu machen).
Ein in der (deutschen) institutionellen Förderung weit verbreitetes Dogma ist, dass der Gründer und Unternehmer zuallererst gute betriebswirtschaftliche Kenntnisse brauchen. Diese Kenntnisse sich anzueignen und diese sachkundig anzuwenden seien entscheidend. Je besser man sich in Finanzierung, Management und Marketing einarbeitet, desto höher die Erfolgschancen. Damit wird der Eindruck vermittelt, dass man alles können muss und sich gleichermassen auskennt: Im Arbeitsrecht, Steuerrecht und Vertragsrecht; mit Bilanzen und im Controlling; in der Verhandlung mit Banken, Kunden und Lieferanten; in der Mitarbeiterführung; in der Öffentlichkeitsarbeit.
Um die einzelnen Kompetenzen und Sachfragen beurteilen zu können, brauchen Sie als Designerin und Designer vor allem einen Überblick. Denn Ziel ist es nicht Sie zu Alleskönnern zu machen (was weder effizient noch effektiv wäre), sondern Ihnen die Voraussetzung zur Kooperation zu vermitteln. Das bedeutet, Ihre Kenntnisse so weit zu entwickeln, dass Sie in der Lage sind mit anderen Professionen zusammenzuarbeiten. Also Kompetenzen zu delegieren und Partner zu finden, die Ihre Ideen und Arbeitsweise verstehen. Besser sogar Ihre Begeisterung teilen und so kompetent sind, dass sie in der Lage sind ihr Fachwissen verständlich darzulegen.
Die Differenzierung zwischen Ihrer Kernkompetenz (Design) und der Komplementärkompetenz (Betriebswirtschaft/Business Administration) ist wegen ihrer unterschiedlichen Anforderungen sehr wichtig. Designleistung ist ein kreativer und schöpferischer Akt. Betriebswirtschaft ist die kontrollierende, ordnende und verwaltende Fähigkeit. Design kann daher nicht von der Betriebswirtschaftslehre her gedacht werden.
Sich mit konventionellen Ökonomen einzulassen, hat zur Folge in seiner offene Perspektive stark eingeschränkt zu werden. Das Konventionelle und das Sicherheitsdenken verträgt sich nicht mit neuen, unkonventionellen Ideen. Insbesondere Banker scheiden als Ratgeber aus, weil sie lediglich Geldverwalter sind. Ideen stossen dort auf wenig Interesse oder gar Begeisterung.
Mit andersartigen, engagierten und sensiblen Ideen hat man in der herkömmlichen Beratung kaum eine Chance. Im Gegenteil, werden den potenziellen Gründern und progressiven Unternehmern die Flausen ausgetrieben und die Lust dazu gleich mit.
Wer sich eine solche anspruchsvolle Professionalität nicht leisten kann, muss sich über die Tragfähigkeit seiner Idee Gedanken machen. Mit Tragfähigkeit ist hier gemeint, dass das Konzept klare Marktvorteile mitbringt, Kunden anzieht und Margen erwirtschaftet, die zur Finanzierung professioneller Kräfte ausreichen.
Ich hatte vor einigen Wochen das Vergnügen den Autor in einer Podiumsdiskussion hier in Berlin persönlich kennenzulernen. Er betonte vor den anwesenden Designern (Kreativen) das unternehmerische Handeln – das am besten durch den Begriff Entrepreneurship deutlich wird. Dies schliesst neben Motivation und Initiative auch Nachhaltigkeit ein (also das Gegenteil von Kommerzialisierung).
Das lässt sich besser durch den Begriff Ökonomie und dessen Verwandschaft über den Sprachstamm zur Ökologie verdeutlichen. Also Designökonomie statt Designwirtschaft (bzw. Betriebswirtschaft).
Das Buch ist für alle dringend zu empfehlen, die sich von den Betriebswirtschafts-Klischees nicht einschüchtern lassen wollen. Und das sind offensichtlich viele – ist das Buch doch mittlerweile in achter Auflage erschienen (zuletzt 2010).
Hanser Verlag, München 2008 (4. Auflage)
ISBN 978-3-446-41564-5
Joachim Kobuss · Mai 2011




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