Juli Gudehus: Lesikon 2
»Das Lesikon der visuellen Kommunikation – eine Collage«. Lesung zwischen Creative Industries und Ökonomie.
Vor einem halben Jahr gab es an dieser Stelle bereits schon einen Bericht über das Lesikon von Juli Gudehus. Seitdem liegt es auf meinem Schreibtisch und animiert mich immer wieder mit Vergnügen zum Flanieren (sie hat nicht zu viel versprochen).
Nun hat Juli Gudehus ihrem aussergewöhnlichen Buch auch noch »Die grösste Autorenlesung der Welt« hinzugefügt – kürzlich hier in Berlin. Zwölf Stunden nonstop lasen über 100 ihrer Co-Autoren aus dem Lesikon.
Neugierig darauf, wie sie über diese rekordverdächtige Zeit ihre »Collage« lebendig werden lässt, liess ich mich aufs Zuhören ein. MIt dem Vorsatz ein bis zwei Stunden zu investieren begab ich mich in »unendlichen Weiten des Sittengemäldes der Designerzunft«. Aus den geplanten zwei Stunden sind dann am Ende über elf geworden (die erste habe ich leider verpasst). Es war überwältigend, weil erlebbar. Einfach klasse. Die Organisation, der pünktliche Ablauf, die familiäre Stimmung, die vielen guten bis sehr guten Lesungen, die netten und spannenden Leute, die Räume ... alles super. Kompliment für diese wirklich tolle Leistung.
Beseelt von diesem Erlebnis ist die Neugier nach weiteren Entdeckungen in ihrem Lesikon gestiegen und es ist nun in Griffnähe gerückt (so langsam verstehe ich jetzt auch, was Erik Spiekermann mit Droge gemeint hat).
Aus ökonomischer Perspektive bleibe ich immer wieder an den Begriffen Creative Industries und Ökonomie hängen. Aus aktuellem Anlass (ein neues Buch zur Designzukunft) greife ich das entsprechende Kapitel heraus und stolpere gleich über das erste Stichwort »Werbewirtschaft«. Das es im Lesikon nicht alphabetisch zugeht habe ich zwischenzeitlich begriffen, aber warum gerade dies an erster Stelle steht, wundert mich. Liegt es an den darunter erwähnten »geheimen Verführern«, die manipulieren und wahnsinnig viel Geld verdienen?
Nun gleich danach folgt »Ökonomie«. Hier geht es allerdings überwiegend um Leseökonomie in der Typographie. Und Peter Sloterdilk stellt abschliessend fest, dass sich die »frei driftenden Existenzen« leisten können von »Ö.« nichts zu verstehen (Seite 2520). Dies bringt er allerdings mit Terminen, Reihenfolgen und Dringlichkeitsstufen in Verbindung.
Ein paar Begriffe weiter findet sich dann Kreativagentur, Werbeagentur, und immer wieder Agenturen, ein paar Ateliers – einmal auch Designbüro – und Designagentur. Hier ein Hinweis, in kritischer Abwandlung eines Marx'schen Zitats: »Das Design bestimmt das Bewusstsein«. Aus dem Kontext ist zu schliessen, dass hier der Konsument gemeint ist.
Und was ist mit den Designern? Ein Sprung zurück auf Seite 2472. Hier äussert sich die Autorin zur Unlogik der Verwendung dieser Berufsbezeichnung. Weiter Otl Aicher: »die tätigkeit des d.s besteht darin, ordnung in einem konfliktfeld heterogener faktoren zu schaffen, zu werten«. Und noch weiter (Ulrike Damm): »D. sind Übersetzer und Berater […] Vermittler«. Hier wird auch noch auf die Wertschätzung der erbrachten Leistungen hingewiesen, die sich verbessert, wenn die Strategie hinter dem Entwurf klar wird und in direktem Zusammenhang mit der Tätigkeit zu sehen ist. Das alles unter »was bin ich?«.
An dieser Stelle möchte ich ergänzen: Wohin gehöre ich? Viele sagen mittlerweile – zur Kreativwirtschaft. Das stimmt nicht ganz – eher zur Kulturwirtschaft. Aber nicht präzise genug (und den zitierten Ansprüchen nicht genügend) – daher besser Designwirtschaft. Trifft es aber auch nicht wirklich – am besten ist Designökonomie!
Da fühle ich mich schon (fast) ganz bei Otl Aicher: »ein designer ist ein moralist« (Lesikon Seite 2473). Besser wäre Ethiker, wegen des sittlichen Wollen und Handeln.
Falls Juli Gudehus jemals eine ergänzende Neuauflage plant wünsche ich mir den Begriff Designökonomie dazu. Nur damit lässt sich sinnfällig machen, dass Designer Voraussetzungen schaffen können – für Innovationen und Orientierung.
In diesem Sinne Dank an Juli Gudehus. Sie hat viel dazu beigetragen.
Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2010
ISBN 978-3-87439-799-5
Wem das Buch nicht reicht, hier ihre Website dazu: www.lesikon.net
Joachim Kobuss · Juni 2011




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