Peter Haas · Silvia Holzinger: … davon leben?

»Kann man denn davon leben? – Erfolgreiche Eigenvermarktung und Internetökonomie«. Revolution der Kreativ-Ökonomie.

Im letzten Herbst bekam ich einen kurzen Hinweis mit dem Stichwort »Slowbudget«: ein Link zur Website von Silvia Holzinger und Peter Haas. Dort boten Sie ein E-Book mit obigen Titel an. Ferner wurde eine Printausgabe in Aussicht gestellt, vorausgesetzt es lassen sich 100 Vorbesteller finden. Und die ersten 100 sollten auch noch zusätzlich einen Weizenbaum-DVD (als Dank) bekommen. So wurde ich zum Vorbesteller #064. Und weil man mir vertraute, gab es vorab das gesamt Buch als PDF. Berührt versprach iches gleich zu lesen und auch eine Kritik in meinen Blog zu stellen. Weil sich über 200 Seiten als Buch komfortabler lesen lassen, habe ich dann aber doch auf die Printausgabe gewartet, die Anfang Dezember in meinem Briefkasten lag.

Die ersten Hundert Seiten las ich dann gleich auf einer meiner häufigen Bahnfahrten. Unterbrochen (von Feiertagen, Psychogrammen, einem neurobiologischen Mutmacher, Liebe die »weh tut« und Erich Kästner) bin ich erst jetzt dazugekommen, den 2. und 3. Teil zu lesen. Und mir die DVD »Weizenbaum. Rebel at Work.« anzusehen. Pünktlich zum »Spätstart« der beiden Autoren ins neue Jahr (am 25. Januar).
 
Buch und DVD verbindet nicht nur die gleichen Autoren/Produzenten, sondern auch etwas rebellisches. Der Informatiker und Wissenschafts-/Gesellschaftskritiker Joseph Weizenbaum (1923 - 2008) hinterfragte »Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft«. Peter Haas und Silvia Holzinger hinterfragen das »angeschlagene, abgehängte Fördersystem der Steuerzahlerkunst« (Seiten 123-124). Sie wollen auf behäbige Kulturinstitutionen keine Rücksicht nehmen. Sie propagieren eine andere Kultur auf grüner Wiese zu errichten, und verweisen hier auf die Macht der Einzelnen. (Anmerk.: Die kritische Masse ist Eins!)
 
Sie stellen (völlig richtig) fest, dass die Kulturarbeiter/innen um so vieles klüger sind, als unsere Institutionen, die vorgeben, uns fördern und verwalten zu wollen.
 
»Wir schaffen es, unsere eigene materielle Grundlage abzusichern – um Inseln kritischer Vernunft auszubilden. Wenn diese Inseln sich gegenseitig stützen und fördern, dann bilden sie Kontinente kreativer Vernunft.«
 
Diese Feststellung (mit Hinweis auf in der Luft liegendes Revolutionäres)  wird von eigenen Erfahrungen mit der Produktion eines Dokumentarfilms und dessen Selbstvermarktung eingerahmt. Es ist ein Bericht über unendlich viele Hürden, Rückfälle, Ablehnungen und Ignoranz – aber auch Erfolgen, Verwertungsideen und Davon-leben-können.
 
Die beiden Autoren schrieben dieses Buch, weil sie glauben damit einen umfassenden Überblick gegeben zum haben, »wie man eine selbstständige Kulturarbeit, in diese Gesellschaft und in diese Zeit integrieren kann, wie man es fertigbringt, von der eigenen Kulturarbeit seinen Lebensunterhalt zu bestreiten und wie schwierig das ist.«
 
Und sie stellen auch fest, dass ihnen erst durch die Niederschrift ihrer Erfahrungen aufgefallen ist, wie sagenhaft kompliziert das in Wirklichkeit für sie war und noch immer ist. Und das haben sie den Lesern mitteilen wollen, weil sie (u.a.) eine brandneue Kreativökonomie »nach unseren Vorstellungen mit euch« gestalten wollen. Und das sie glauben, dass sie damit nicht allein sind. Und das sie sehen, »dass viele dafür einen Anstoß, einen kleinen Schubs brauchen, aufzubrechen«. Abschließend fordern Sie: »Los, traut euch.«
 
In diesem Sinne möchte ich ergänzen: Los, lesen Sie es! (Auch wenn Sie keine Filmemacher sind.) Und schauen Sie sich den Film über Joseph Weizenbaum an. Dann sehen Sie warum die kritische Masse Eins ist. Und das macht rebellisch Spaß!
 
 
Selbstverlag, Berlin 2011
 
Joachim Kobuss · Februar 2012