Inga J. Weihe: Gesellschaftsgestaltung

Der Designer als Zoon politikonGesellschaftsgestaltung als ökonomischer Leitgedanke.

An den Endungen -nomie und -logie scheiden sich die Geister der von Joachim Kobuss vorgestellten Begriffsempfehlung hin zu Designökonomie anstelle der Designwirtschaft. »Bereiche, deren Bezeichnungen sich nur darin unterscheiden, dass die eine auf -nomie und die andere auf -logie endet, haben oft keine Schnittmengen (zum Beispiel Ökologie und Ökonomie).« (Quelle: www.wikipedia.de). Diese Schnittmenge stellt Kobuss jedoch über das Wort »Öko« her – wie ich finde nicht ohne Grund.

Wie, so frage ich, kann die Ökologie mit der Ökonomie keine Schnittmenge haben, wenn die Ökonomie anhand aktueller Entwicklungen der Welt und der Gesellschaft um ökologisches Handeln nicht herum kommen kann? Beschreibt doch die Ökologie die »Beziehungen zwischen Organismen untereinander und mit ihrer Umwelt« (Quelle: www.wikipedia.de). Kann der Designer als Teil der Maschinerie diese Beziehungen überhaupt noch guten Gewissens außer acht lassen, in seinem Entwurf nicht beachten und in der Lösung zugunsten von Markt und Euro unter den Tisch fallen lassen, sei dieser Tisch auch noch so smart, glänzend und luxuriös? Ist es ökonomisch, den menschlichen Bedarf auf Waren und Güter zu begrenzen? Zur Verwaltung eines Haushaltes gehört der Umgang mit Ressourcen, das Haushalten, der Einbezug des Menschen als Gesamtsystem.
 
Ein Designer, der die Wirkung seiner Arbeit in die Gestaltung einbezieht, muss neue Wege beschreiten und sich seiner Verantwortung stellen. Und damit meine ich nicht, nur das »Ökobegrifflich voranzustellen, um dem marketingbasierten Trend »Bio« zu folgen. Damit meine ich, die immaterielle Wirkung der Gestaltung zum erhabenen Ziel zu machen, nicht die materielle zur bloßen Absatzförderung
 
Gesellschaftliche Veränderungen stellen uns mit unserer Profession Design vor neue Herausforderungen, es herrscht enormer Handlungsbedarf. Design als Beruf für Visionäre und Querdenker kann und muss sich dieser Verantwortung stellen, Entscheidungen fällen und intervenieren.
 
Meine Berufung ist deshalb Gesellschaftsgestalter – das bedeutet nichts weniger als die Gesellschaft zu gestalten mit Mitteln aus der Designprofession. Ich erweiterte den Designbegriff um »Gesellschaftsgestaltung«, da ich jeglichen Werbe- und Produktionswahnsinn nicht verantworten kann. Mein Beruf ist Produkt Designer. Mein Produkt ist gestaltete Subjektivität. Das Design ein Vehikel dahin.
 
Gesellschaftsgestalter stellen Fragen an bestehende Formen und Strukturen. Decken Probleme auf, stellen diese zur Disposition. Antizipatorisch demokratisch, das heißt unter Mitwirkung aller, die wollen, und immer unter Einbezug der Folgen des Handelns.
Als weit entfernte Zukunftsziele entwickeln sie Visionen, die auch Utopien sein können. Utopien formulieren durch eine Kritik am Bestehenden den Wunsch nach Umgestaltung. Nach Analyse und Konzeption erfolgt ein gestalteter Hinweis oder Prozess, um die Situation deutlich sichtbar zu machen. Durch die Gestaltung erfolgt die Annährung an die Vision: subjektivitätsgestaltend eine Änderung der Haltung, Wahrnehmung oder Handlung.
 
Gesellschaftsgestaltung – die auch den Generationen der Zukunft Leben ermöglicht. Die eine Zukunft erst möglich macht, in einer lebenswerten Gesellschaft.
 
© Inga J. Weihe · November 2011
 
Inga J. Weihe ist Gesellschaftsgestalter (Dipl. Designer) und betreibt das büromacht.